Mehrheit, Minderheit und Macht


Die Tatsache, daß es nach all den Jahren der Aufklärung und Bewußtseinsbildung von seiten der Tierrechtsbewegung zumindest in Teilbereichen eine verstärkte Nachfrage nach Pelzen gibt, ist niederschmetternd. Da gibt es nichts zu beschönigen. Das ist noch beunruhigender und entmutigender, als es eine Zunahme des Fleischkonsums wäre.

Denn die Qualen, die den Tieren im Zuge der Pelzproduktion zugefügt werden, sind den Menschen mindestens so bekannt wie jene, die ihnen im Zuge der Fleischproduktion zugefügt werden. Und die wie auch immer definierte oder phantasierte Notwendigkeit ist beim Pelztragen noch viel geringer als beim Fleischessen. Hier glauben ja offenkundig noch immer viele, wenn nicht die meisten Menschen, daß Fleischessen gesundheitlich notwendig sei. Das wird in bezug auf das Pelztragen nicht einmal der größte Hohlkopf behaupten.

Ich bin bestimmt kein Optimist, aber ich hätte nie gedacht, daß es in bestimmten Bereichen noch einmal zu einer Umkehr der Tendenz in Richtung Tierrechte kommen könnte. Bleibt nur die beruhigende Gewißheit: Wir brauchen nicht unbedingt die Mehrheit, um Tierrechte durchzusetzen!

Man denke an die Gurtenpflicht und an die Minderheitenrechte, an die Abschaffung der Todesstrafe und an die Steuergesetze: Alles Dinge, die sich so, wie sie sich entwickelt haben, nie entwickelt hätten, wäre es nach dem tatsächlichen "Willen des Volkes" gegangen.

Oder denken wir an die Verdammung des Rauchens: Wer hätte sich noch vor wenigen Jahrzehnten, als im Fernsehen noch überall geraucht wurde, träumen lassen, daß man bald nicht einmal mehr am Bahnhof rauchen darf! Und Tierrechte zählen eben offenkundig auch zu jenen Dingen, die den Menschen verordnet werden müssen. Was wir dazu brauchen, sind gute Argumente, gemeinsame Aktivitäten und einen langen Atem.

10 Jahre "Leichenschmaus" (rororo)
"Die Ethische Weltformel" (Vegi-Verlag, 2003)

© Helmut F. Kaplan


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