Hütchenspiel gegen Tierrechte


Anmerkungen zu Michael Mierschs merkwürdigen Methoden

Die Position, die Michael Miersch in seinem Beitrag "Intelligenztest für Bestien" in der ZEIT vom 13. November 2003 darlegt, ist zugegebenermaßen schwer zu knacken. Das liegt allerdings nicht daran, daß seine Argumentation so schlüssig wäre, sondern daran, daß er keine hat. Miersch bedient sich einer "Logik", der ich nicht zu folgen vermag. Seine Methode erinnert an das auf Rummelplätzen und Bahnhöfen beliebte Hütchenspiel, bei dem die Betreiber versuchen, die Spieler durch schnelle Handbewegungen zu verwirren.

Das einzige, was verläßlich auzumachen ist, ist, daß Miersch mit drei Elementen, sprich: Thesen hantiert, um schließlich zu einem Ergebnis zu gelangen, das mit jeder dieser Thesen auf Kriegsfuß steht. Mierschs Ergebnis lautet, um dies vorwegzunehmen: Es gibt nach wie vor keinen Grund, unser Verhalten gegenüber Tieren zu überdenken, geschweige denn zu verändern.

Ähnlichkeits-These

Diese These ordnet Miersch der Tierrechtsbewegung zu: Tiere, zumal die "höheren", sind dem Menschen überraschend ähnlich. Diese Zuordnung ist zwar bestenfalls halbrichtig, weil die Tierrechtsbewegung immer auch den eigenständigen Wert der Tiere betont hat, aber das tut der These selbst ja keinen Abbruch. Nach Miersch sind die tragenden Argumente der Tierrechtsbewegung die genetische Nähe der Tiere zum Menschen sowie deren erstaunliche Intelligenz.

Auch das ist wiederum nur halbrichtig: Das Argument der Tierrechtsbewegung sind keineswegs nur die verblüffenden Intelligenzleistungen vieler Tiere, sondern vor allem auch deren Ähnlichkeit mit dem Menschen im Sozial- und Gefühlsleben.

Miersch zitiert Stephen Budiansky, der von Tierrechtlern behauptet: "Sie sagen im Endeffekt, dass Tiere Respekt verdienen, weil sie in ihrem Verhalten menschlichem Verhalten so nahe kommen." Das ist nun schlicht falsch: Den Tierrechtlern geht es überhaupt nicht primär um das VERHALTEN der Tiere, sondern um das ERLEBEN der Tiere. Denn das ist das ethisch Entscheidende – Stichwort: Leidensfähigkeit!

Wie dem auch sei: Aus der Ähnlichkeits-These folgt, daß unser üblicher Umgang mit Tieren moralisch falsch ist. Denn wenn Tiere dem Menschen physisch und psychisch recht ähnlich sind, dann gibt es keine Rechtfertigung dafür, sie moralisch völlig anders zu bewerten und zu behandeln. Dies folgt zwingend aus dem Grundsatz, daß Gleiches bzw. Ähnliches auch gleich bzw. ähnlich bewertet und behandelt werden muß. Ohne Beachtung dieses Grundsatzes gibt es keine Ethik, kein Recht und keine Gerechtigkeit.

Gleichwertigkeits-These

Der Ähnlichkeits-These stellt Miersch die Gleichwertigkeits-These gegenüber: "Zunehmend entdecken Kognitionsforscher erstaunliche Fähigkeiten bei Arten, die man lange für geistig minderbemittelt hielt." Der Blick der Forscher richte sich mehr und mehr auf die ökologischen Herausforderungen, denen verschiedene Lebewesen gegenüberstehen. Eine Fledermaus benötige schließlich andere Fähigkeiten ls eine Schildkröte usw. Worum es deshalb vor allem ginge, sei die "ökologische Intelligenz". Und da gebe es eben eine Affen-Intelligenz, eine Krähen-Intelligenz, eine Salamander-Intelligenz usw.

Im Lichte solcher Forschungsergebnisse stürzten, so Miersch, nun die Klassenschranken im Tierreich ein: "Primaten gelten immer weniger als Primusse." Vor zehn Jahren, zitiert Miersch die Primatenforscherin Dorothy Cheney, schien noch klar zu sein, daß Affen etwas Besonderes wären. "Doch es gibt keinen Beweis, dass ihre Intelligenz sich von der anderer Tiere grundsätzlich unterscheidet."

Schön: Wenn sehr viel mehr Tiere, als bisher angenommen, dem Menschen so ähnlich sind wie Affen, dann gilt das oben Gesagte im verstärkten Maße bzw. für noch mehr Tiere: Wenn diese Tiere dem Menschen so ähnlich sind, dann gibt es keine Rechtfertigung dafür, sie völlig anders zu bewerten und zu behandeln.

Nicht-Bewußtseins-Unterstellung

Da Miersch dieses Ergebnis nun so gar nicht in den Kram paßt, verfällt er auf einen Trick: Er versucht, dem Leser auf ebenso subtile wie subversive Weise zu suggerieren, daß all die beschriebenen erstaunlichen tierlichen Leistungen ohne Bewußtsein abliefen – und daher keine ethische Relevanz besäßen. Denn wenn die diversen Tierchen zwar alle unheimlich schlau, aber dennoch völlig bewußtlos sind, dann spüren sie von all den grauenhaften Dingen, die wir ihnen täglich milliardenfach antun, ja nichts.

Um den Leser auf diese falsche Fährte zu führen, läßt Miersch Zitate wie die folgenden in seine Ausführungen einfließen (selber will er sich mit so fragwürdigen Unterstellungen offenbar lieber nicht die Finger verbrennen): "Tatsache ist, dass die erstaunlichsten tierischen Leistungen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das Geringste mit bewusstem Denken, wie wir es kennen, zu tun haben." (Stephen Budiansky, der uns schon von seiner obigen Falschaussage her bekannt ist) "Womöglich braucht man kein großes Gehirn für komplexe Kognitionsleistungen." (Bienenforscher Randolf Menzel) "Ist all das auch ohne Gehirn möglich?" (Der notorische Biologie-Außenseiter Wolfgang Wickler angesichts der Intelligenzleistungen von Seesternen, Krebsen und Blutegeln)

Nun ist die Behauptung, daß Tiere kein Bewußtsein hätten und daher auch nicht leidensfähig wären, natürlich völlig absurd. Diese Vorstellung von Tieren als gefühllosen Automaten, wie sie Descartes vor über 350 Jahren hatte, wird heute von niemandem mehr ernstgenommen. Selbst den schlichtesten Gemütern ist klar, daß die Tiere in Tierfabriken, auf Tiertransorten, in Schlachthöfen, in Versuchslabors usw. schrecklich leiden.

Einzigartigkeits-These

Da Miersch der faule Zauber mit dem Maschinencharakter von Tieren offenbar selbst nicht ganz geheuer ist, unternimmt er zum Schluß einen anderen Versuch, die Einzigartigkeit des Menschen und dessen vermeintlich daraus resultierendes Recht, Tiere auszubeuten, zu beweisen: Durch die Sprache unterscheide sich der Mensch qualitativ von allen Tieren.

Dazu gibt es nun einiges zu sagen. Was ich im folgenden nur stichwortartig darlegen kann, wird in meinem Buch Tierrechte (Echo Verlag, 2000) näher ausgeführt und belegt:

  1. Sprache ist nicht die Voraussetzung für Bewußtsein. Dazu der Mathematiker und Physiker Volker Arzt und der Verhaltensbiologe Immanuel Birmelin in ihrem Buch "Haben Tiere ein Bewußtsein?": "Die Tatsache, daß wir Menschen in Worten ausdrücken können, was wir bewußt erleben, sollte uns nicht zu dem Umkehrschluß verleiten, daß ohne Sprache kein Bewußtsein möglich sei."
  2. Sprache ist nicht die Voraussetzung für Intelligenzleistungen. Hierauf brauchen wir nicht weiter einzugehen, da Miesch hierfür selbst unzählige Beispiele liefert.
  3. Sprache ist nicht die Voraussetzung für Schmerzempfinden. Der amerikanische Philosoph Steve F. Sapontzis erinnert in diesem Zusammenhang an die banale Tatsache, daß ich mir, wenn ich mit dem Schienbein am Tisch anstoße, des Schmerzes sehr wohl bewußt bin, OHNE Gedanken wie "Jetzt habe ich Schmerzen" zu formulieren.

Nun sagt Miersch mit Blick auf die Sprache: "Das menschliche Bewusstsein ist vermutlich einzigartig, vieles deutet darauf hin, dass kein anderes Lebewesen diese Form des inneren Erlebens mit uns teilt."

Das kann schon sein. Nur: Wer sagt, daß dieses Erleben, wertvoller, großartiger und bewundernswerter ist als das Erleben aller anderen Lebewesen? Aufgrund welcher Kriterien will Miersch das feststellen? Wo bleibt auf einmal der von ihm so hoch gepriesene eigenständige Wert aller Spezies?

Und wenn Miersch schon glaubt, unbedingt werten zu müssen: Vielleicht haben andere Lebewesen ja noch tollere Erlebnisse als Menschen, obwohl sie keine Sprache haben oder vielleicht gerade WEIL sie keine Sprache haben. Sapontzis verweist auf die notorische Unfähigkeit des Menschen, die Gegenwart zu genießen - weil wir uns ständig mit Gedanken über Vergangenes und Künftiges herumschlagen. Ein spielender Hund am Strand läßt sich seine momentane Lebensfreude durch solche mentalen Rück- und Vorgriffe wahrscheinlich weniger leicht verderben und hat deshalb möglicherweise ein viel intensiveres Erlebnis als der Mensch, der nach fünf Minuten im Liegestuhl gedanklich schon wieder ganz woanders ist.

Um zu demonstrieren, wie hoffnungslos daneben Miersch mit seinen Ausführungen liegt, wollen wir ihm zum Schluß um der Argumentation willen zwei Leistungen zugestehen, die er NICHT erbringt - und die er auch nie erbringen kann:

  1. Miersch hat das "objektive" Kriterium für die "endgültige" Bewertung von Erlebnissen gefunden. (Keine Ahnung, wie man sich das vorzustellen hat!) Und zwar erweist sich als dieses Kriterium: am höchsten entwickelt / am meisten differenziert. (Etwas in der Richtung scheint Miersch ja wohl vorzuschweben.)
  2. Miersch hat aufgrund dieses Kriteriums das menschliche Erleben als das beste, wichtigste, herausragendste (oder wie immer man das ausdrücken will) im gesamten Universum identifiziert.

Selbst unter diesen Voraussetzungen sieht es mit Mierschs Schlußfolgerung, wonach wir mit Tieren weiter so verfahren dürfen wie bisher, ganz schlecht aus. Das wird klar, wenn wir uns vergegenwärtigen:

Auch unter Menschen gibt es immense Unterschiede im Hinblick auf Entwicklung und Differenzierung! So gibt es etwa einerseits Mathematik- und Physikgenies (z. B. Einstein), andererseits aber auch Menschen, die "kaum bis drei zählen" können. Und es gibt Musikgenies (z. B. Mozart), aber auch Menschen, die nicht einmal "Hänschen klein" singen können.

Das Entscheidende sind aber nun nicht diese unbestreitbaren faktischen Unterschiede zwischen den Menschen, sondern die ethischen Konsequenzen, die wir aus ihnen ziehen. Und da sagen wir eben nicht: Du bist miserabel im Rechnen, also machen wir mit dir grausame Experimente. Du bist völlig unmusikalisch, also bringen wir dich um und essen dich auf.


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