Welche Rolle spielt Boykott bei der Förderung des Veganismus?


Die "Veganismus-Debatte" ist noch zu keinem endgültigen Ergebnis gelangt. Aber ich habe den Eindruck, daß bereits wichtige Erkenntnis-Schritte in Richtung eines erfolgversprechenden Gesamtkonzepts gemacht worden sind. Ich habe jedenfalls aus den vergangenen Diskussionen sehr viel gelernt. Die folgenden Ausführungen sind im Sinne eines weiteren Erkenntnis-Schrittes der beschriebenen Art zu verstehen.

Beim Boykottieren von Gütern geht es bekanntlich darum, die Produzenten dieser Güter zu einer Verhaltensänderung zu zwingen. Daraus folgt, daß man mit seinem Konsumverhalten nicht nur selbst "ein Zeichen setzen", sondern auch andere "mitziehen" will.

Anti-Fleisch-Bewegung (Vegetarismus)

Da es beim Boykottieren also immer um eine möglichst große Zahl von Boykottierenden geht und da Boykott bei der Anti-Fleisch-Bewegung eine wichtige Rolle spielt, wollen wir bei der Betrachtung des Boykott-Aspekts hier beginnen. Welche Rolle spielt also Boykott bei der Förderung des Vegetarismus? Gewiß eine wichtige: Ich esse nicht nur kein Fleisch, sondern ich sage dies auch und ich begründe es vor allem. Damit will ich andere motivieren, es mir gleichzutun.

Anti-Fleisch-/Milch-/Eier-Bewegung (Veganismus)

Wenn hier nur von Fleisch, Milch und Eiern die Rede ist, so geschieht dies lediglich der Einfachheit und Kürze halber. Gemeint ist aber alles, was vom Tier stammt, also auch alle Milchprodukte, insbesondere Käse, Honig, Leder, Seide usw. sowie alle Produkte, die solche Bestandteile enthalten. Welche Rolle spielt der Boykott-Aspekt nun bei der Förderung des Veganismus?

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir vier wesentliche Unterschiede zwischen Vegetarismus und Veganismus beachten:

  1. Es ist zweifellos schwieriger, Fleisch, Milch und Eier vom Speiseplan zu streichen, als nur Fleisch vom Speiseplan zu streichen. Denn im ersten Fall streicht man vielleicht 95 Prozent des üblichen Nahrungsmittelangebotes, im zweiten Fall aber nur vielleicht 25 Prozent.
  2. Entsprechend schwieriger ist es beim Veganismus naheliegenderweise, andere zum "Mitziehen" zu motivieren, wenn man ihnen anstatt 25 Prozent ihrer bisherigen Ernährung nun 95 Prozent "wegnehmen" will.
  3. Zu diesem quantitativen Motivationsproblem kommt noch ein ethisches: Daß der Fleischkonsum zum Töten von Tieren führt, leuchtet jedem Fleischesser sofort ein. Daß aber auch der Milch- und Eierkonsum zum Töten von Tieren führt, ist hingegen viel schwieriger zu vermitteln, weil die Zusammenhänge weniger direkt und deutlich sind.
  4. Wenn meine Überzeugungsarbeit für den Vegetarismus scheitert, habe ich nichts verloren, sprich: keinen Schaden angerichtet. Der Fleischesser bleibt, was er war, eben Fleischesser. Wenn aber meine Überzeugungsarbeit für den Veganismus scheitert, besteht die Gefahr, daß ich einen Schaden anrichte, nämlich, daß ein Fleischesser, der für den Vegetarismus empfänglich gewesen wäre, nun nicht nur kein Veganer, sondern auch kein Vegetarier wird ("Wenn das Vegetarisch-Leben moralisch auch wieder nicht reicht, bleibe ich doch gleich beim Fleischessen!")

Wir sehen: Im Vergleich zum Vegetarismus ist der Einsatz des Boykott-Instruments beim Veganismus wesentlich schwieriger und gefährlicher. Um also der Veganismus-Bewegung die gleiche Schwungkraft zu verschaffen wie der Vegetarismus-Bewegung, bedarf es eines zusätzlichen Instruments, um diesen Nachteil auszugleichen. Sehen wir uns zum Zwecke der weiteren Orientierung noch weitere "Anti-Bewegungen", also Initiativen zu sozialen oder politischen Veränderungen, an:

Anti-Atom-Bewegung

Welche Rolle spielte und spielt der Boykott-Aspekt bei der Anti-AKW-Bewegung. Offenkundig kaum eine: Mir sind jedenfalls keine ernsthaften Aufrufe zum Boykott von Atom-Strom in Erinnerung oder bekannt, die von den Atom-Gegnern verlangten, Heizung, Licht und Fernseher nicht mehr einzuschalten. Was die Atom-Gegner fordern, ist nicht ein Verzicht auf Strom, sondern, daß dieser anders produziert wird.

Anti-Tierversuchs-Bewegung

Bei der Anti-Tierversuchs-Bewegung begegnen wir einer differenzierten Situation. So wird zwar etwa ein Boykott von Kosmetika, Shampoos und Seifen verlangt, die im Tierversuch getestet wurden, aber kein Boykott von Ärzten und Krankenhäusern - obwohl die gesamte Medizin zweifellos auch auf Tierversuchen beruht. Dennoch fordert man nicht, alle Medikamente, die mit Hilfe von Tierversuchen hergestellt wurden, zu boykottierten, sondern vielmehr, daß diese künftig anders, "alternativ" hergestellt bzw. getestet werden.

Mit anderen Worten: Man fordert einen Boykott dessen, worauf man vergleichsweise leicht verzichten kann, und wechselt bei Produkten und Leistungen, deren Boykott der Bevölkerung schwer zumutbar erscheint, von der Boykott-Strategie zur Protest-Strategie: Es soll politisch alles daran gesetzt werden zu erreichen, daß diese Produkte und Leistungen künftig anders, nämlich ohne Tierleid zu verursachen, hergestellt bzw. erbracht werden.

Daraus resultiert natürlich insofern ein Motivationsproblem, als es in der Bevölkerung keinen "Leidensdruck" gibt, da den Menschen ja vorderhand der Konsum bzw. die Inanspruchnahme der "bösen" Produkte und Leistungen noch "erlaubt" wird. Deshalb ist es die ureigenste Aufgabe der Tierrechtsbewegung, diese Protest-Maschinerie in Gang zu setzen.

Schlußfolgerung

Aus dem Gesagten resultiert im Hinblick auf den Veganismus zumindest ein eindeutiges Negativ-Ergebnis, also eine Erkenntnis darüber, wie es NICHT funktioniert: Der Boykott von Milch, Milchprodukten, Eiern usw. kann und wird zu keiner nennenswerten Veganisierung der Gesellschaft führen.

Was mit aller Macht forciert werden muß, ist die Herstellung der entsprechenden Produkte auf nichttierlicher Basis. HIERAUF müssen wir uns konzentrieren. HIERFÜR müssen wir unsere Phantasie, Kreativität und Kraft einsetzen. Das ist zwar weniger aufregend und feierlich, als flammende Appelle zu fabrizieren, aber es ist der einzige Weg, der zum Erfolg führen kann.


Themenverwandte Artikel:




www.tierrechte-kaplan.org - Kaplan@vegetarismus.org