Gefährliche Gefühle


Immer öfter mache ich die Erfahrung, daß „normale“ Menschen gegenüber (neuen) Tierrechts-bezogenen Positionen aufgeschlossener sind, als Tierrechtler gegenüber neuen Tierrechts-Positionen aufgeschlossen sind: Hat sich ein Tierrechtler einmal auf eine bestimmte Haltung festgelegt – strikt oder gemäßigt vegan, für oder gegen Holocaust-Vergleich, reformistisch oder abolitionistisch -, ist er kaum mehr davon abzubringen. Da kann man noch so gute Argumente anführen – die Leute hören schlicht nicht zu und wiederholen einfach, woran zu glauben, sie sich einmal entschlossen haben.

Für dieses Phänomen gibt es gewiß eine Reihe von Gründen. Einer davon ist mit Sicherheit dieser: Tierrechts-Positionen haben für Tierrechtler naturgemäß eine ungleich stärkere Identitäts-stiftende Funktion als für andere Menschen. Und wo es um Identität geht, sind immer starke Emotionen und Ängste im Spiel. Ängste davor, seine Identität zu verlieren. Und kaum etwas ist bedrohlicher und belastender, als mit sich selber nicht (mehr) eins zu sein, als dasjenige in Frage gestellt zu sehen, womit man sich im Innersten identifiziert, woran man sein Herz gehängt hat.

Nun sind Gefühle ja nicht immer von Nachteil. Im Gegenteil! Und für Tierrechtler sind Gefühle sogar unverzichtbar: Kein Mensch könnte und würde sich aus reinen Vernunftgründen Tag und Nacht und lebenslang für Tiere engagieren und dabei auf vieles oder auf fast alles verzichten. Dazu bedarf es eines starken, vielleicht irrationalen emotionalen Engagements.

Aber wir sollten uns eben auch dieser „dunklen“ Seite von Gefühlen bewußt sein: Um Identitäts-gefährdenden Umdenkprozessen aus dem Wege zu gehen, neigen wir in fataler Weise dazu, an einmal erkannten oder erwählten "Wahrheiten" festzuhalten – auch wenn Fakten und Argumente längst eine andere Sprache sprechen. Und diese Tendenz zum Stehenbleiben und Festhalten ist bei dynamischen Prozessen wie den Entwicklungen und Veränderungen im Zusammenhang mit Tierrechten besonders gefährlich. Denn was gestern noch richtig war, kann heute schon falsch sein, und was heute falsch ist, kann morgen schon richtig sein.

Bleiben wir also offen für neue Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Das einzige, was zählt, ist das Ziel. Und das Ziel ist die Schaffung einer veganen Gesellschaft. Diesem Ziel müssen alle Gefühle untergeordnet werden.

© Helmut F. Kaplan


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