Radikal und gemäßigt


Im folgenden möchte ich eine meines Erachtens allgemeingültige Strategie für die Tierrechtsarbeit formulieren und anhand der Themen tierliche Nahrungsmittel und Tierversuche veranschaulichen:

Sinnvollerweise sollten folgende Ebenen unterschieden werden:

  • Vermittlung von Fakten.
  • Veränderung von Verhalten.

Bei den Fakten sollten wir "beinhart" sein. Es ist unsinnig, schon mit einem Kompromiß bzw. mit einer Halbwahrheit zu beginnen. Das heißt bei tierlichen Nahrungsmitteln: Die Tatsache, daß auch die Produktion von Milch und Eiern usw. notwendig immenses Leiden und Sterben verursacht, darf nicht unter den Teppich gekehrt, sondern muß offen ausgesprochen und dargestellt werden.

Beim Versuch, bei den Menschen eine Verhaltensänderung herbeizuführen, sollten wir hingegen strategisch klug, meinetwegen "gemäßigt" vorgehen. Hier gilt es, die praktische Effizienz im Auge zu haben. Das heißt bei tierlichen Nahrungsmitteln: Es ist zum Beispiel kontraproduktiv, dergestalt "mit der Tür ins Haus zu fallen", daß man gegenüber neuen oder potentiellen Vegetariern den Vegetarsmus moralisch mit dem Fleischessen gleichsetzt ("Vegetarier sind Mörder!").

Bei Tierversuchen wenden wir diese Doppelstrategie seit jeher erfolgreich an: Wir führen den Menschen drastisch vor Augen, was Tierversuche für Tiere bedeuten. Aber wenn es um Verhaltensänderungen geht, begnügen wir uns mit recht moderaten Forderungen: Die Menschen sollen Seifen, Shampoos usw., die im Tierversuch getestet wurden, meiden, dürfen aber weiterhin zum Arzt gehen, sich operieren lassen und Medikamente nehmen ­ obwohl auch all dies Tierversuche fördert und verursacht.

Mir wurde Inkonsequenz vorgeworfen, weil ich mich beim Holocaust-Vergleich so gar nicht diplomatisch, gemäßigt und strategisch klug verhielte. Aber dieser Vorwurf ist meines Erachtens ungerechtfertigt:

  • Beim Holocaust-Vergleich geht es primär um die Vermittlung der Fakten (über unseren grausamen Umgang mit Tieren). Und die Faktenvermittlung soll ja gemäß dem beschriebenen Konzept "ungeschminkt" erfolgen.
  • Der Holocaust-Vergleich eignet sich insofern schlecht für eine Parallelisierung mit den Themen tierliche Nahrungsmittel und Tierversuche, weil es hier keine so eindeutige, "logische" Forderung im Hinblick auf die Verhaltensänderung gibt.
  • Wenn die geforderte Verhaltensänderung der Vegetarismus / Veganismus ist (wofür der Titel der Peta-Holocaust-Kampagne "Der Holocaust auf Ihrem Teller" spricht), funktioniert das gegenständliche Konzept sowieso einwandfrei.

Das Holocaust-Thema scheint mir zur Veranschaulichung generell sinnvoller Strategien aber vor allem deshalb ungeeignet, weil es so emotionsbehaftet ist, daß rationale Erwägungen hier fast automatisch auf taube Ohren treffen. Es ist wie seinerzeit bei der Euthanasie-Debatte: Auch hier war es vollkommen unmöglich, sich mit sachlichen Überlegungen, die dem hysterischen Vorurteils-Trend widersprachen, Gehör zu verschaffen.

Zurück zur Doppelstrategie, um deren Veranschaulichung es hier geht: "radikale" Faktenvermittlung, "gemäßigte" Forderungen im Hinblick auf Verhaltensänderungen. Es soll dafür sensibilisiert werden, daß der gleichzeitige Einsatz "radikaler" und "gemäßigter" Vorgehensweisen keineswegs irrational oder inkonsequent sein muß, sondern daß er, vernünftig organisiert, ein wirksames Werkzeug zur Optimierung des Ergebnisses sein kann:

Bei der Vermittlung der Fakten geht es um die schonungslose Darstellung der grauenvollen Realität. Hier führt kein Weg an der ungeschminkten Wahrheit vorbei. Es wäre verantwortungslos, den Menschen vorzuenthalten, daß die Milch- und Eierproduktion für die Tiere fürchterliche Folgen hat. Und ebenso verantwortungslos wäre es, die Gräuel der Tierversuche zu verharmlosen. Hier kann man die Menschen nicht “schonen³. Sie müssen die volle Wahrheit erfahren, um vielleicht dazu motiviert zu werden, sie zu verändern.

Im Hinblick auf die Veränderung des Verhaltens ist es hingegen unverzichtbar, in dem Sinne gemäßigt, klug und strategisch vorzugehen, daß den Menschen eine KONKRETE und SOFORT LEBBARE Verhaltensweise angeboten und nahegelegt wird. Diese muß so beschaffen sein, daß der Motivationsschub, den die Faktenvermittlung optimalerweise bewirkt, mit möglichst geringem Reibungsverlust genutzt und umgesetzt wird. Solche sofort anwendbaren “Patentrezepte³ aufzuzeigen und zu ermöglichen, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Tierrechtsarbeit.

© Helmut F. Kaplan


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