Paradigmenwechsel


Tierrechtler wie Vertreter der anthropozentrischen Weltsicht stehen jeweils für eine eigene Weltanschauung, für eine bestimmte Weise, die Welt wahrzunehmen. Solche Weltanschauungen sind vor allem auch charakterisiert durch grundlegende Überzeugungen. Im Falle der anthropozentrischen Weltsicht sind das etwa: „Der Mensch kommt zuerst" oder "Tiere sind für den Menschen da", im Falle der Tierrechts-Weltanschauung "Tiere haben eigenständige Rechte" oder "Tiere sind nicht für den Menschen da".

Auf wissenschaftshistorischer bzw. –theoretischer Ebene wird dieses Phänomen grundlegender Wahrnehmungs- und Überzeugungsformen mit dem Begriff "Paradigma" bezeichnet. So stellt etwa die Gravitationstheorie ein Paradigma der klassischen Mechnik dar, die ihrerseits ein Paradigma der klassischen Physik repräsentiert.

Auf noch einer anderen, praktischen Ebene können wir Paradigmen und deren Wechsel beobachten, wenn wir über einen längeren Zeitraum Arztbesuche machen. So hieß es etwa bei Vegetariern früher, als noch das "Fleisch-ist-ein-Stück-Lebenskraft"-Paradigma vorherrschte: "Ah, Sie haben schlechte Werte – kein Wunder, Sie essen kein Fleisch!" Heute, wo das „Rein-pflanzlich!"-Paradigma bereits an Raum gewonnen hat, hört man hingegen immer öfter: "Ah, Sie haben gute Werte – kein Wunder, Sie sind Vegetarier!"

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt. Dieser Paradigmenwechsel vollzieht sich nicht dadurch, daß die älteren Ärzte von neuen Erkenntnissen und Zusammenhängen überzeugt werden, sondern dadurch, daß sie durch jüngere Ärzte ersetzt werden. Mit anderen Worten: Der Paradigmenwechsel vollzieht sich im wesentlichen nicht auf der Überzeugungsebene, sondern auf der biologischen Ebene, dadurch, daß die Vertreter des alten Paradigmas aussterben.

Damit sind wir bei der Bedeutung des Paradigmenwechsels für die Tierrechtsarbeit: Bei älteren Menschen erleben wir immer wieder, daß sie in bezug auf Tiere heillos und unheilbar im anthropozentrischen Paradigma gefangen sind. Was ihnen in ihrer Kindheit und Jugend von Eltern, Lehrern und Pfarrern eingeimpft wurde, bekommen sie nicht mehr aus dem Kopf.

In auffallendem und erfreulichem Unterschied dazu sind junge Menschen gegenüber Tierrechten viel unbefangener und aufgeschlossener. Dies ist unter anderem zurückzuführen auf das Verblassen des kirchlichen Weltbildes und auf die verstärkte Vermittlung wissenschaftlicher Weltsichten (Darwin).

Hieraus ergibt sich als praktische Konsequenz: Wir sollten uns in der Tierrechtsarbeit noch mehr als bisher auf junge Menschen konzentrieren. Denn diese haben nicht nur noch ein viel längeres Leben vor sich, sondern bei ihnen fallen vernünftige Argumente auch auf einen viel fruchtbareren Boden.

Und noch etwas spricht für die Konzentration unserer Arbeit auf junge Menschen: Sie sind die besseren, die moralischeren Menschen. Je älter wir werden, desto unmoralischer, "realistischer" und egoistischer werden wir in der Regel auch. Albert Schweitzer hatte völlig recht: "Wenn die Menschen das würden, was sie mit vierzehn Jahren sind, wie ganz anders wäre die Welt!"

© Helmut F. Kaplan


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